Ist Kempten die älteste Stadt Deutschlands?

Diskurs um den Titel ist neu entflammt


Welche Stadt ist die älteste in Deutschland? Diese Frage sorgt seit Jahren für Diskussionen – in der Wissenschaft ebenso wie in der Öffentlichkeit. Besonders häufig wird dabei die Stadt Trier genannt. Doch auch Kempten hat gute Gründe, diesen Titel für sich zu beanspruchen.

Die Römerstadt Cambodunum nach wissenschaftlichen Erkenntnissen rekonstruiert
Bild: Faber Courtial

Kempten ist bereits als älteste schriftlich erwähnte Stadt Deutschlands dokumentiert. Der griechische Geograf Strabon (ca. 63 v. Chr. – 23 n. Chr.) nennt in seinem Werk eine keltische Polis namens Kambodounon. Er überliefert damit das älteste schriftliche Zeugnis einer städtischen Siedlung zur Römerzeit im heutigen Deutschland.
Jahrelange Forschungen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Salvatore Ortisi von der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem: Das antike Cambodunum ist nicht nur die älteste römische Stadt in Bayern, sondern möglicherweise die früheste römische Stadtgründung im heutigen Deutschland. Damit steht Kempten im Zentrum der aktuellen Diskussion um die älteste Stadt Deutschlands.

Studierende der LMU München bei ihrer Feldforschung im APC
Foto: Kulturamt Kempten

Älteste Stadt Deutschlands: Was sagt die Forschung?
Die Frage nach der ältesten Stadt im heutigen Deutschland lässt sich nicht mit einem einzigen Datum beantworten.
Für die Definition einer antiken Stadt können nach wissenschaftlichen Standpunkten zwei unterschiedliche Kriterien herangezogen werden: Zum einen die archäologisch belegbare Stadtstruktur – also Stadtplanung und Infrastruktur –, zum anderen die formale Verleihung von Stadtrecht. Für Cambodunum ist eine offizielle Verleihung von Stadtrecht bislang nicht nachgewiesen.

Das Stadtbild Cambodunums im 1. Jahrhundert n. Chr.
Illustration: Roger Mayrock

Kann Kempten dennoch die älteste Stadt Deutschlands sein?
Die Antwort lautet: Ja – mit guten wissenschaftlichen Argumenten.
In der öffentlichen Diskussion wird häufig Trier als älteste Stadt Deutschlands bezeichnet. Tatsächlich reicht auch dort die Geschichte sehr weit zurück. Für die Zeit vor Christi Geburt sind in Trier jedoch zunächst vor allem ein Militärlager und um 17 v. Chr. eine Holzbrücke über die Mosel nachgewiesen. Diese frühen Strukturen zeigen eine frühe römische Präsenz, belegen jedoch noch keine vollständig geplante Stadtanlage.
In Cambodunum hingegen lassen sich bereits früh Strukturen einer geplanten Stadt erkennen. Grabungen zeigen eine systematische Anlage mit einem klaren Straßenraster, einer Wasserversorgung sowie öffentlichen Gebäuden. Diese städtebauliche Struktur unterscheidet Cambodunum deutlich von frühen militärischen oder provisorischen Siedlungen.

Rekonstruktion des Forums der Römerstadt Cambodunum
Bild: Faber Courtial

Neue Forschungen verändern den Blick
Neue archäologische Forschungen haben das Bild der frühen Stadtgeschichte Kemptens in den letzten Jahren weiter präzisiert. Neben neuen Grabungen spielte vor allem die neue Betrachtung älterer Funde eine wichtige Rolle. Besonders Keramikfragmente sind für Archäolog:innen wertvolle Zeitmarker: Ihre Formen und Herstellungsweisen lassen sich relativ genau bestimmten Zeiträumen zuordnen. Die aktuellen Ergebnisse sprechen dafür, dass Cambodunum sehr früh nach der römischen Eroberung des Alpenraums (15 v. Chr.) gegründet wurde, als die Römer begannen, ihre neu eroberten Gebiete zu organisieren. Aus archäologischer Perspektive verweist vieles darauf, dass in Kempten die erste bewusst angelegte römische Stadt im Gebiet des heutigen Deutschlands entstand.

Damit kann Kempten nach heutigem Kenntnisstand mit guten wissenschaftlichen Argumenten als älteste Stadt Deutschlands bezeichnet werden. Auch wenn die wissenschaftliche Diskussion weitergeht und neue Funde das Bild jederzeit verändern können, gehört Kempten damit zu den zentralen Orten dieser Debatte.


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